Zu den Anfängen des Familiennamen "Mildebrath" aus Hinterpommern

von: Lothar Mildebrath, 30.5.1998

Wenn man den Angaben von Hans Bahlow in seinem Lexikon der pommerschen Familiennamen (2, S. 64) folgt, dann geht der heutige Name Mildebrath auf die Urform Milobrat zurück, die zuerst im Jahr 1204 mit einer Quelle dokumentiert ist. Eine Verbindung zwischen dieser frühen Quelle und den heutigen Namensträgern war bislang nur bruchstückhaft zu finden.

Die Schreibweise des Namens "Mildebrath" entwickelte sich demnach vom ersten Aufkommen im 13. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein sehr wahrscheinlich aufgrund von Hör-, Sprech-, Lese- Schreibfehlern und anderen Ungenauigkeiten recht unterschiedlich und ergab somit verschiedene Varianten.

Dazu hier einige Beispiele von Schreibweisen - ohne Rücksicht auf geographisches oder zeitliches Vorkommen - soweit sie im Buch von Max Mühlbradt (13) und anderen Quellen (22; 23; 30; 31) zu finden sind:

Die heutige Verbreitung dieser Nachnamen ist sehr unterschiedlich. Folgenden Namen sind in der in etwa der angegebenen Häufigkeit in den deutschen Telefonbüchern zu finden: Über die Bedeutung des Namens gibt es zwei unterschiedliche Angaben: Vor- und Nachnamen mit Milo- beginnend sind recht häufig. Wie der Vorname Milobrat zum Nachname wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise kam der erste Namensträger mit Ordensleuten der Johanniter, des deutschen Ritterordens, der Zisterzienser oder Templer aus Mitteldeutschland nach Pommern. Man denke auch an die Züge Ottos von Bamberg (1124 und später) im Zuge der Christianisierung nach Pommern, u.a. Klätkow und Zirkwitz, beides im Kreis Greifenberg (13, S. 2). Dann müßte man allerdings wohl einen germanischen Ursprung unterstellen.

Heute muß man allerdings wohl eher von einem slawischen Ursprung ausgehen (1; 2; 9; 47).

Auf der Suche nach den Ursprüngen des Namens "Mildebrath" stößt man auf einige alte Urkunden, in denen Namensträger in verschiedenen Zusammenhängen genannt sind. Vom eigentlichen Inhalt oder vom Anlaß der Urkunden her sind diese familiengeschichtlich weniger interessant.

Eine Urkunde vom 23.4.1200 nennt einen Edelmann namens "Milobrat" in Schlawe als Zeugen für den Tausch des Dorfes Selglow für die Dörfer Scarmini und Cosmaceno seitens des Fürsten Bogislav III. und seiner Schwester Dobruslava an den Johanniterorden. Bei Selglow handelt es sich wohl um ein Dorf bei Schlawe, die beiden anderen Dörfer liegen wohl bei Schöneck. Ein Ausstellungsort der Urkunde ist nicht bekannt. Hinsichtlich des Datums gibt es gewisse Unsicherheiten, da ein Teil der Zeugen auch in einer anderen Urkunde deutlich später noch im Jahre 1223 genannt werden. Somit könnte die Urkunde auch jüngeren Datums sein. Nicht zuletzt muß man bedenken, daß früher viele Urkunden gefälscht oder auch einfach nur falsch kopiert wurden (16, S. 11; 17, S. 177).

Im Jahre 1204 wird ein "Milobrat", Sohn des Nagos, als Höriger des Zisterzeinserklosters Trebnitz bei Breslau in Schlesien genannt. Dies ist wohl auch die Quelle, die Hans Bahlow meint (s.o.). Ort und Datum der Urkunde sind nicht genau bekannt bzw. ungewiß. In der Urkunde selbst verbrieft Herzog Heinrich I. von Schlesien dem Kloster Trebnitz die Höhe der Abgaben und Leistungen der genannten Dienstleute und gewährt den Bewohnern des Marktortes Trebnitz die Freiheit (54, S. 63). Auch wirft diese Quelle Fragen über den Zusammenhang mit dem oben fast zeitgleich genannten Ritter "Milobrat" mehrere hundert Kilometer weiter nördlich in Schlawe auf. Hier fehlt bislang eine Erklärung. Wie man unten weiter sehen wird, ist diese Quelle die einzige so weit südliche Nennung.

Eine Nennung bei Max Mühlbradt bezieht sich auf das Jahr 1247: ... Milobrat, conversus Oliviensis ... in Jarnowitz .... Weiteres ist ebenfalls bislang ungeklärt (13, S. 3 im Nachtrag; 35), gemeint ist wahrscheinlich das Zisterzienserkloster Oliva bei Danzig.

Am 21.8.1265 wird ein Ritter "Milbradus" genannt, der die Schenkung des Guts Belkow seitens Herzogs Swantopolk von Pommerellen an das Kloster Bukow bezeugt (16, S. 173).

Dann hat ein Edler "Mildebrat" das Dorf Parpart an das Kloster Buckow bei Rügenwalde verkauft. Dieser Verkauf geschah möglicherweise nicht freiwillig, sondern auf Druck des Klosters. Im Jahre 1271 nämlich bestätigte Witlav von Rügen dem Kloster den Besitz und am 8.4.1296 entsagte Wojan, Tribun zu Schlawe, Sohn des Edlen "Mildebrath", mit wiederum einem Sohn Jakob, allen Ansprüchen auf das Dorf und wurde dafür nochmals mit einem Pferd sowie mehreren Ellen Tuch und Leinen entschädigt. Das war ein hoher Preis (14, S. 12; 16, S. 487; 50, S. 46).

Am 1.1.1307 wird in Danzig von mehreren Rittern beurkundet, daß der Streit um das Kloster Oliva mit Trsebeborius über die Grenze zwischen Schönwarling und Hohenstein in Ostpreussen friedlich beigelegt sei. In der Urkunde wird ein "Milobrat" von Smoschow genannt (16, S. 575). Der Ort Smoschow konnte bislang nicht genauer ermittelt werden.

Im Jahre 1343 wird in Masuren (Kammeramt Hohenstein, Komturei Osterode) ein ehrlicher Mann namens "Milebrat(h)" genannt, der im Auftrag vom ersten Osteroder Komtur Heinrich Meytz das Dorf Merkau (Mörken) als Schulze anlegen soll (5, S. 25; 19, S. 4).

Im Jahre 1359 stiftet der Kolberger Bürger Scheefut Einkünfte aus dem Ort Zicker bei Alt-Sellin zur Gründung einer Vikarie am Dom (zu Cammin), die um 1500 ein "Mildebrat" verwaltet (20, S. 155).

In den Jahren 1418 bis 1436 wird eine Andreas "Mildebrat" als Pfarrer in Zedlin bei Zapplin (Kreis Greifenberg) erwähnt (10; 11, S. 88).

Im März 1459 verglich sich das Kloster Eldena bei Greifswald in einem Prozeß mit Heinrich und Hans Wedege, die u.a. des Totschlages an dem Priester Nikolaus Kritzke und an Henning Mildebrat angeklagt waren. Auch hier war ein Kloster somit wohl nicht ganz unschuldig (11, S. 477).

1464: Millebrat, conversus Oliviensis... , Weiteres ist leider ebenfalls bislang nicht geklärt (13, S 3. im Nachtrag; 35; 52).

In den Jahren 1542 bis 1568 war ein Faustin Mildebrath Ratsherr bzw. Bürgermeister der Stadt Rügenwalde (4, S. 332 und 412).

Im Jahre 1547 werden in Barkow im Streit der Ritterfamilie Mellin mit der Batzwitzer Kirche (Kreis Greifenberg) mehrere Bauern als Zeugen gerufen, darunter ein "Mildebrat" (20, S. 280).

Im Jahr 1666 wird in Gerdshagen (Kirchspiel Klaushagen) als Einwohner ein Jochim Mildebraht und in Klein Raddow ein Heinrich Miltprat, Arrendarius auf dem Ackerhof genannt (51, S. 85 und 92).

Einen Ort, der sich mit dem Namen "Mildebrath" oder einer verwandten Schreibweise in Verbindung bringen läßt, gibt es in Hinterpommern nicht. Allerdings gibt es eine Quelle vom 1.10.1320, die den Ort Milmersdorf in der Nähe von Templin in der Uckermark (Vorpommern) in diesem Zusammenhang nennt (6, S. 48; 7, S. 661; 36). Demnach wurde dieses Dorf von einem Lokator slawischen Ursprungs namens Mildebrat o.ä. gegründet. Dieser Lokator diente dem Dorf dann auch als Namensgeber. Die überwiegende Zahl der Dorf- und Stadtnamen der mittelalterlichen Uckermark waren slawischen Ursprungs. Welcher Landesfürst der Auftraggeber dieses, möglicherweise ritterlichen, Städtegründers ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Ebensowenig die Herkunft und der Verbleib des Lokators. Urkunden zufolge hieß dieser Ort zunächst Mildebraderstorp (1320), dann Mildebratsdorp (1325), später Milmerstorp (1375), Melmersdorp, Melmersdorf und heute Milmersdorf (7, S. 661).

Der Ort Mühlbanz, auch Milobanz, Melebanz oder ähnliche Schreibweisen, im Kreis Dirschau in Westpreußen, der im Jahr 1258 erstmals erwähnt wird, hat vielleicht mit dem Namen "Mildebrath" zu tun (13, S. 3 im Nachtrag).

Ebenso ist zu unklar, ob das in der Nähe von Dirschau bzw. Marienburg gelegene Mielenz mit einem 1250 bzw. 1282 zum erstenmal genannten Miloradersdorp identisch ist und mit dem Namen Mildebrath in Verbindung steht (13, S. 4 im Nachtrag).

Die vorliegenden Familienstammbäume führen teilweise zurück bis in die Anfänge des 18. Jahrhunderts, teilweise aber nur bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Dazu kommen einige fragmentarische Angaben. Es bleiben somit noch zahlreiche Lücken zu schließen und offene Fragen zu klären.

Heute leben die Mildebraths über ganz Deutschland verstreut. Einige wohnen auch in Nordamerika. Die ersten Auswanderer fuhren 1839 dorthin (12, S. 249). In anderen Länern gibt es offensichtlich keine Mildebraths.

Anmerkungen und Hinweise auf die Quellen:

  1. Bahlow, Hans, Deutsches Namenslexikon, München, 1967
  2. Bahlow, Hans, Pommersche Familiennamen, Neustadt a.d.A., 1982
  3. Boehmer, F., Geschichte der Stadt Rügenwalde, Stettin, 1900
  4. Döhring, Artur, Über die Herkunft der Masuren, Königsberg, 1910
  5. Enders, Lieselotte, Die Uckermark, Weimar, 1992
  6. Enders, Lieselotte (bearb.), Historisches Ortslexikon, Teil 8, Uckermark; Weimar, 1986
  7. Gottschald, Max, Deutsche Namenskunde, Berlin, 1971
  8. Heyden, Hellmuth, Pommersche Geistliche vom Mittelalter bis zum 19. Jhd., Köln, 1965
  9. Hoogeweg, H., Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern, Band I, Stettin, 1924
  10. Iwan, Wilhelm, Geschichte der altlutherischen Auswanderung um die Mitte des 19. Jhd., Köln, 1965
  11. Mühlbradt, Max, Das Geschlecht Milbradt, Landsberg a.d.W., 1935
  12. Müller, Franzisca, Kloster Buckow, Stettin, 1918
  13. Perlbach, Max (bearb.), Pommerellisches Urkundenbuch, Aalen, 1969
  14. Schmidt, Roderich (Hrsg.), Pommersches Urkundenbuch, Band 1, Köln, 1970
  15. Töppen, M., Geschichte des Amtes und der Stadt Hohenstein, Hohenstein, 1859
  16. Ulrich, Albert, Chronik des Kreises Greifenberg, Dötlingen, 1990
  17. Deutsches Familienarchiv, Neustadt a.d.A., div. Jahrgänge, besonders Bände 7, 33 und 47
  18. Deutsches Geschlechter Buch, div. Bände, div. Jahrgänge, besonders Bände über Pommern (Band 3 und 5), Posen (Band 1-4), Neumark (Band 1), Westpreußen (Band 1), Brandenburg (Band1)
  19. Verein für Familiengeschichte für Ost- und Westpreussen, Helmut Zipplies, Kartei Quassowski, Buchstabe M, Hamburg, 1983
  20. Lassahn-Spruth-Sammlung, im Archiv des Herold, Berlin-Dahlem, Archivstr. 12-14
  21. ?, Pomniki dziejowe Polsi = Monumenta Poloniae historica, Warschau, 1960
  22. Riedel, Adolph F., Codex diplomaticus Brandenburgensis, 25 Bände, Berlin, 1938 ff
  23. Miklosich, Franz von, Etymologisches Wörterbuch der slawischen Sprachen, Wien, 1886, Neuauflage 1970
  24. Heintze, Albert, Cascorbi, Paul, Die deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich, Halle, 1922
  25. Heimatkreisausschuss Schlawe (Hrsg.), Schriften der J.G.-Herder-Bibliothek, Band 19, Kirchspiel Wusterwitz, Kreis Schlawe in Pommern, Siegen, 1988
  26. Engel, Franz (Hrsg), Veröffentlichungen der historischen Kommission für Pommern, Reihe IV, Quellen zur pommerschen Geschichte, Heft 7 Einwohnerverzeichnisse von Hinterpommern nach der Steuererhebung von 1655 und 1666, Köln, 1966
  27. ?, Liber Mortuorum Monasterii Beatae Mariae De Oliva MCCCCLXIV ...III, ?,?
  28. Historische Kommission für Schlesien (Hrsg.), Heinrich Appelt (bearb.), Schlesisches Urkundenbuch, 1.Bd. 971-1230, Köln, 1971